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© Hans Blossey
Filter setzen Flächen

Freiheit Emscher: Die produktive Stadt von morgen

Mit der Übergabe des Förderbescheids in Höhe von rund 78 Millionen Euro aus Landes- und EU-Mitteln hat das interkommunale Projekt Freiheit Emscher einen wichtigen Meilenstein erreicht. Mit ehemaligen Bergbauflächen im Essener Norden und im Bottroper Süden als Katalysator einer Stadtentwicklung entsteht in den kommenden Jahren ein neuer Wirtschafts- und Lebensraum – nachhaltig, vernetzt und zukunftsorientiert. Anlass genug, mit Gernot Pahlen, Geschäftsführer der Freiheit Emscher Entwicklungsgesellschaft mbH (FEEG), über Ziele, Besonderheiten und die nächsten Schritte dieses außergewöhnlichen Projekts zu sprechen.

Freiheit Emscher ist eines der größten Stadtentwicklungsprojekte in Nordrhein-Westfalen. Wie würden Sie die Grundidee des Projekts in wenigen Sätzen skizzieren? 

Der Kern von Freiheit Emscher ist die Entwicklung von fünf ehemaligen Bergbauflächen zu modernen, klimagerechten Wirtschaftsstandorten, die Raum für innovative Unternehmen und zukunftsfähige Arbeitsplätze bieten. Aber Freiheit Emscher ist mehr als die Entwicklung von fünf Flächen. Freiheit Emscher ist die Transformation eines insgesamt 17 Quadratkilometer großen industriell überformten Stadtraums in eine produktive Stadt von morgen, die Wirtschaftswachstum, Nachhaltigkeit und Lebensqualität vereint. Im Essener Norden und Bottroper Süden entsteht so ein Raum, in dem Menschen gerne arbeiten, wohnen und ihre Freizeit verbringen. Unseren Anspruch setzen wir bewusst hoch: Freiheit Emscher möchte ein Modellprojekt sein, mit Strahlkraft über die Region hinaus.
 

Herr Pahlen, mit der Übergabe des Förderbescheids ist nun offiziell der Startschuss für eine neue Phase von Freiheit Emscher gefallen. Was bedeutet diese Förderzusage ganz konkret für das Projekt?

Freiheit Emscher fängt jetzt an zu bauen. Die Förderung aus dem Just Transition Fund (JTF) ermöglicht uns, Entwicklungsmaßnahmen auf den ersten zwei der insgesamt fünf ehemaligen Bergbauflächen umzusetzen – Emil Emscher in Essen und Welheimer Mark in Bottrop. Die JTF-Fördermittel fließen dabei in insgesamt fünf Teilprojekte: Auf Essener Stadtgebiet entwickeln wir als FEEG Emil Emscher zu einem attraktiven Gewerbestandort. Die Stadt verantwortet im Bereich der Entwicklungsfläche den Ausbau des Gewerbeboulevards. In der Welheimer Mark setzt die Stadt Bottrop diesen Boulevard fort. Unsere Aufgabe als FEEG ist die Entwicklung der Fläche in unmittelbarer Nachbarschaft der Kläranlage. Außerdem renaturiert die Emschergenossenschaft die Aspelflötte – einen teilweise unterirdisch verlegten Bach, der wieder an das Emschersystem angeschlossen wird.

 

Welche Ziele verfolgen Sie bei der Entwicklung des Raums zwischen Bottrop und Essen – wirtschaftlich, ökologisch und städtebaulich? 

Im Sinne eines sparsamen Umgangs mit natürlichen Ressourcen müssen wir mit dem arbeiten, was wir haben – also die vorhandenen Siedlungsbereiche so qualifizieren, dass sie einen möglichst großen und klimagerechten Nutzen für unsere Wirtschaft und unser Zusammenleben erbringen. In diesem Sinne ist Freiheit Emscher die produktive Inwertsetzung eines herausfordernden Stadtraums im Essener Norden und Bottroper Süden, dessen heutiges Erscheinungsbild eine Hinterlassenschaft von über 100 Jahren intensiver industrieller Nutzung darstellt: ein vielfach kontextloses Nebeneinander von Gewerbegebieten, bandartigen Infrastrukturen, eingesprengselten Wohninseln, Grün- und Wasserflächen. Und eben fünf Brachflächen, die mit insgesamt rund 150 Hektar brutto zu Ausgangspunkten einer wirtschaftlichen und städtebaulichen Entwicklung werden, ohne neuen Freiraum in Anspruch nehmen zu müssen.

Wir verstehen es als eine wesentliche Aufgabe von Stadtentwicklung, genau solche herausfordernden Orte in wirtschaftlich leistungsfähige, klimagerechte und lebenswerte Orte zu verwandeln. Das ist das, was wir unter unserem Leitmotiv der produktiven Stadt von morgen verstehen. Mit Freiheit Emscher gilt es, Stadtentwicklung und Wirtschaftsförderung zusammenzudenken. Wir möchten zeigen, wie produzierendes Gewerbe im urbanen Kontext nicht nur Impulse für Wirtschaftswachstum, sondern auch für mehr Lebensqualität in den angrenzenden Quartieren liefert. Die Menschen im Bottroper Süden und Essener Norden sprechen häufig davon, sich abgehängt zu fühlen. Mit Blick auf die Verkehrsinfrastruktur ist das wörtlich zu verstehen. Deshalb legen wir bewusst einen Schwerpunkt auf die langfristige Erschließung für emissionsarme Mobilitätsformen wie Fuß- und Radverkehr sowie ein interkommunales ÖPNV-Angebot.

„Das Ruhrgebiet möchte erklärtermaßen die grünste Industrieregion Europas werden. Als produktiver Stadtraum von morgen kann Freiheit Emscher einen wesentlichen Beitrag für die nachhaltige Transformation unserer Region leisten – ökonomisch, ökologisch und sozial.“

Gernot PahlenGeschäftsführer der Freiheit Emscher Entwicklungsgesellschaft mbH (FEEG)

Eine Besonderheit ist die enge Zusammenarbeit über Stadt- und Institutionsgrenzen hinweg. Wie funktioniert diese interkommunale Kooperation in der Praxis? 

In Freiheit Emscher arbeiten die Projektpartner, die beiden Städte Bottrop und Essen sowie die RAG Montan Immobilien GmbH als Eigentümerin der Bergbauflächen bereits seit mehr als 10 Jahren sehr eng und vertrauensvoll zusammen. Die Gründung der Entwicklungsgesellschaft durch die Projektpartner 2023 war dann ein weiterer entscheidender Schritt für das Projekt. Im Verbund können wir die aus der Bergaufsicht entlassenen Flächen von der RAG MI ankaufen. Auch bei der Beantragung der JTF-Fördermittel wurde über Stadtgrenzen hinweg an einem Strang gezogen. Alleine wären weder Bottrop noch Essen förderfähig gewesen. Das hat tatsächlich Modellcharakter – das ist gelebte interkommunale Kooperation. Diese interkommunale Struktur des Projekts hat sich auf allen Ebenen bewährt – vom Aufsichtsrat über die Gesellschafterversammlung bis zur täglichen operativen Umsetzung in den verschiedenen Arbeitsrunden.
 

Welche Art von Unternehmen und Arbeitsplätzen sollen sich hier künftig ansiedeln?
 

Wir leben in einer Welt der Polykrisen – Klimawandel, Kriege, das weltweite Erstarken autoritärer Regime. Allein mit Blick auf die ersten Wochen dieses Jahres ist es ja geradezu euphemistisch, von einer geopolitisch instabilen Lage zu sprechen. Vor diesem Hintergrund hat die Diskussion um Onshoring oder Nearshoring – also die Rückkehr von bisher ausgelagerter, industrieller Produktion nach Deutschland – in den vergangenen Jahren an Fahrt aufgenommen.

Klar ist: Eine Reindustrialisierung ist für Freiheit Emscher eine riesige Chance. McKinsey etwa prognostiziert in einer aktuellen Studie einen „German Pivot“. Wachstumspotenziale bestünden demnach besonders in Industrien, die unsere Gesellschaft resilienter und international weniger abhängig machen: Batterieproduktion, Medizintechnologie, die Entwicklung innovativer Materialien für klimaneutrales, zirkuläres Wirtschaften. Dafür braucht es Flächen. Die hat Freiheit Emscher im zentralen Ruhrgebiet. Wer also eine Renaissance der Industrie möchte, muss Freiheit Emscher sagen.
 

Im Fokus stehen zunächst die Entwicklungsflächen Emil Emscher in Essen und Welheimer Mark in Bottrop. Was ist dort jeweils konkret geplant?
 

Auf den 19 Hektar von Emil Emscher, aufgeteilt in sieben Baufelder, schaffen wir einen Standort für wissensbasierte Unternehmen und innovative Produktionsbetriebe. Dabei streben wir eine hohe städtebauliche Qualität in einem klimaneutralen Gewerbegebiet an: Nachhaltige Fassaden- und Dachgestaltung, effiziente Gebäudehüllen, Ladestationen für E-Mobilität und adaptive Beleuchtung sollen Maßstäbe auch für die weiteren vier Entwicklungsflächen setzen.

Klimaneutralität und wissenschaftlich orientierte Standortentwicklung stehen auch in der Welheimer Mark im Vordergrund. In unmittelbarer Nachbarschaft zur Kläranlage der Emschergenossenschaft soll künftig zur Ressource Wasser, zum Themenkomplex Abwasser, Trinkwasser und Wertwasser sowie zum energetischen Potenzial von Klärschlämmen geforscht und gearbeitet werden – bis hin zur Entwicklung marktreifer Lösungen.
 

Was bedeutet Freiheit Emscher aus Ihrer Sicht für die Zukunft des Ruhrgebiets?
 

Das Ruhrgebiet möchte erklärtermaßen die grünste Industrieregion Europas werden. Als produktiver Stadtraum von morgen kann Freiheit Emscher einen wesentlichen Beitrag für die nachhaltige Transformation unserer Region leisten – ökonomisch, ökologisch und sozial. Mit einer exzellenten Hochschullandschaft, vielen gut ausgebildeten Fachkräften, historisch gewachsener Industrieaffinität, der verkehrsgünstigen Lage mitten in Europa und dem Potenzial für eine Wasserstoffwirtschaft sind die Bedingungen dafür mehr als günstig. Und die Überlegungen rund um eine Renaissance der Industrie spielen uns weiter in die Karten. Um diese historische Gelegenheit zu nutzen, dürfen wir uns aber nicht auf den vergangenen Erfolgen des Strukturwandels ausruhen. Wir brauchen ein klares Bekenntnis zu Klimaneutralität, Energie- und Mobilitätswende, strategischen Weitblick und die Bereitschaft, alle Gruppen der Bevölkerung auf diesem Weg einzubinden.
 

Visualisierung © Stahm Architekten

Freiheit Emscher Entwicklungsgesellschaft

Die Freiheit Emscher Entwicklungsgesellschaft mbH wurde im April 2023 von den Gesellschaftern Stadt Bottrop, Stadt Essen und der RAG Montan Immobilien GmbH gegründet. Gegenstand der Unternehmung ist die Strukturentwicklung in einem ca. 1.700 ha großen interkommunalen Planungsraum. Dabei steht die Entwicklung und Vermarktung der fünf Entwicklungsflächen von Freiheit Emscher im Vordergrund.