Was ist aus Ihrer Sicht das Besondere am Gesundheitsökosystem des Ruhrgebiets? Was fehlt im Gesundheitsmarkt des Ruhrgebiets?
Das Ruhrgebiet bietet für mich ein einmaliges Health-Ökosystem: dicht vernetzt, praxisnah, forschungsnah – ein spannendes Innovationsfeld. Es zeichnet sich durch viele Universitäten, Forschungseinrichtungen, Kliniken und Gesundheits-Start-ups aus. Traditionell ist die Region stark industriell geprägt – diese Strukturen transformieren sich zunehmend hin zu Gesundheits- und Life-Science-Innovationen. Die Metropolregion bietet damit eine einmalige Kombination: etablierte Infrastrukturen treffen auf Agilität junger Unternehmen.
Es gibt ein Momentum, aber es fehlt etwa ein sichtbar aktives Investorennetzwerk, das auch außerhalb etablierter Ballungszentren operiert, und es fehlen sichtbare, verbindende Strukturen sowie eine stärkere Start-up-Förderung.
Welche Chancen bietet das Ruhrgebiet internationalen Health-Scale-ups?
Für international agierende Health-Scale-ups bietet das Ruhrgebiet ein attraktives Pilotfeld – mit einer hohen Zahl an Einwohnerinnen und Einwohnern, Krankenkassen, Reha-Einrichtungen und Kliniken. Das bedeutet: repräsentative Daten, differenzierte Gesundheitsstrukturen, leicht zugängliche Versorgungseinrichtungen. Hinzu kommt die regional verankerte Wissenschaftslandschaft – Innovationsnetzwerke und Universitäten sind offen für Kooperation, was die Entwicklung und Validierung neuer Lösungen erlaubt.
Überdies punktet die Region mit niedrigeren Kosten für Projekte, vergleichsweise günstiger Infrastruktur und hoher praktischer Umsetzbarkeit. Internationalen Scale-ups eröffnet sich hier die Tür zu einer diversifizierten Testumgebung zur Markteinführung, häufig unterstützt durch kommunale Initiativen oder Landesförderung.
„Das Ruhrgebiet bietet für mich ein einmaliges Health-Ökosystem: dicht vernetzt, praxisnah, forschungsnah – ein spannendes Innovationsfeld. Es zeichnet sich durch viele Universitäten, Forschungseinrichtungen, Kliniken und Gesundheits-Start-ups aus."
Professor für Medizinmanagement an der FOM Hochschule und Dekan für Gesundheit & SozialesWas können Gesundheitsunternehmen von Start-ups lernen?
Große Gesundheitsakteure können sich insbesondere Innovationsgeschwindigkeit, Nutzerzentrierung und eine moderne Kultur von Start-ups abschauen.
Start-ups operieren in schnelllebigen Strukturen – sie validieren Ideen früh an Nutzerinnen und Nutzern, iterieren auf Basis von Feedback und setzen rasch um. Sie sind seltener an Hierarchien gebunden, wodurch disruptive Lösungen schneller voranschreiten. Auch eine moderne Unternehmenskultur können sich große Gesundheitsunternehmen abschauen: Teammotivationen, flache Hierarchien, interdisziplinäre Zusammenarbeit – all das macht Start-ups attraktiv und kreativ. Viele Start-ups nutzen zudem von Anfang an moderne Analytics-, KI- und Telemedizin-Ansätze und treffen datenbasierte Entscheidungen. Durch Innovation getriebene Kooperationen lohnen sich für beide Seiten.
International Health Ruhr
Die Gesundheitswirtschaft im Ruhrgebiet wächst stetig. Dieses Potenzial soll strategisch weiterentwickelt werden, um es nicht nur national sondern auch international zu positionieren. Dazu werden ihre Alleinstellungsmerkmale analysiert und Schwerpunkte definiert. Ein Fokus liegt auf der Integration bestehender Innovationsnetzwerke und Kooperationen, um die Sichtbarkeit der Region zu erhöhen.
Welche großen Trends und Entwicklungen diagnostizieren Sie für die nächsten fünf Jahre?
Die Gesundheitstrends der kommenden Jahre werden vor allem durch digitale Anwendungen und Künstliche Intelligenz bestimmt. KI kann die medizinische Bilderkennung unterstützen, Vorhersagemodelle für Krankheitsverläufe erstellen sowie personalisierte Therapien und Medikation optimieren. Digitale Gesundheitsplattformen und Wearables ermöglichen eine Verzahnung von virtueller und lokaler Betreuung von Patientinnen und Patienten, Apps begleiten Nutzerinnen und Nutzer individuell und greifen präventiv ein. Dafür sind einheitliche Datensilos und standardisierte Schnittstellen zwischen Ärzten, Kliniken, Krankenkassen sowie Patientinnen und Patienten nötig.
Noch wichtiger sind allerdings regulatorische Anpassungen im deutschen Gesundheitswesen, etwa eine Erweiterung der Konzepte für Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) und für die elektronische Patientenakte (ePA). Eine Gesundheitsdatennutzung wäre zum Beispiel zu Forschungszwecken hilfreich, zugleich muss aber die Datensouveränität der Patientinnen und Patienten gewahrt bleiben. Ich sehe zudem Potenziale durch Public-Private-Partnerships und regionale Kooperationen, in denen Städte, Regionen und Krankenhäuser gemeinsame Förderprojekte für digitale Gesundheitslösungen initiieren.
Wo sehen Sie die Grenzen der KI im Gesundheitswesen?
Zunächst einmal benötigen KI-Anwendungen moderne IT-Strukturen, die in vielen Kliniken nicht vorhanden sind. Ebenso sind für KI-Lösungen qualitativ hochwertige, vielfältige und faire Datensätze nötig. Deutsche Datenschutzbestimmungen, das sparsame Erheben von Daten sowie unterschiedliche Patientengruppen schränken das ein. So bleibt die Anwendung von KI vielfach noch theoretisch.
Ein weiterer Grund dafür sind Fragen nach Verantwortlichkeit, Ethik und regulatorischen Vorgaben. Wenn eine KI-Assistenz fehlerhafte Empfehlungen abgibt, ist unklar, wer haftet. Der Mediziner, das KI-System, der Hersteller? Darüber hinaus sind – insbesondere in Deutschland – Zulassungsprozesse für KI, zum Beispiel in Medizinprodukten, streng.
Letztendlich kommt es aber vor allem auf Transparenz und Vertrauen an. Black-Box-Modelle sind im klinischen Alltag problematisch, die Entscheidungen einer KI müssen nachvollziehbar sein. Sie darf medizinische Fachkräfte nicht entmündigen, sondern das Ziel sollte Co-Management sein, nicht Digitalisierung um jeden Preis. Zudem müssen Patientinnen und Patienten Vertrauen in von KI gestützte Interventionen haben.
