Sie arbeiten als Innovationsmanager bei einem kommunalen Wasserversorger. Was sind Ihre Aufgaben?
Daniel Gronert: Als Innovationsmanager bei der RWW verstehe ich mich als Bindeglied zwischen unseren operativen Einheiten und den Aktivitäten in der Produktentwicklung sowie bei der Forschung und Entwicklung. Ich nehme die Bedürfnisse des Betriebs auf und sondiere den Markt nach innovativen, anwendbaren Lösungen. Gibt es keine praktikable Lösung, initiiere ich Entwicklungsprojekte gemeinsam mit Partnern aus Wissenschaft und Wirtschaft. Existiert bereits eine passende Marktlösung, begleite ich deren Einführung im Unternehmen zum Beispiel durch Pilotprojekte oder geeignetes Change-Management.
Was unterscheidet die (Trink-) Wasserversorgung in Deutschland und im Ruhrgebiet von der in anderen Ländern?
Die Menschen in Deutschland können sich jederzeit auf eine sichere und zuverlässige Trinkwasserversorgung verlassen. Das sieht man im internationalen Vergleich besonders gut an den Wasserverlusten im Rohrnetz. Viele südeuropäische Nachbarländer stehen hier vor deutlich größeren Herausforderungen. Jedoch sind die regionalen Unterschiede, insbesondere was das Dargebot und die Qualität des Rohwassers angeht, sehr groß.
Auch aus Sicht der Wasserversorgung ist das Ruhrgebiet besonders: zum einen wegen der Dichte der Einwohner und zum anderen die Geschichte der Region. Immer noch müssen wir bei Baumaßnahmen mit Altlasten aus dem 2. Weltkrieg rechnen, die zum Teil erhebliche Kosten verursachen. Hinzu kommt der Strukturwandel. Die großen Abnehmer, wie die Kohle- und Montanindustrie sind weggefallen, unsere Versorgungsnetze aber auf den historisch hohen Bedarf ausgelegt. Daher prüfen wir bei jeder Baumaßnahme, ob das Netz noch für den richtigen Verbrauch ausgelegt ist oder angepasst werden muss. Auf der anderen Seite sehen wir klimawandelbedingt sehr hohe Spitzenbedarfe in Dürre- und Hitzeperioden. Beide Entwicklungen sind bei unseren Vorhaben stets zu betrachten.
Welche Stärken hat die Wasserwirtschaft im Ruhrgebiet? Welche Herausforderungen gibt es?
Das Ruhrgebiet ist eine der am dichtesten besiedelten Regionen Europas und die Ruhr die zentrale Lebensader der Region. Sie ist die wichtigste Ressource für die Trinkwasserversorgung von fast fünf Millionen Menschen, liefert Brauch- und Kühlwasser für Industrie- und Gewerbegebiete und dient gleichzeitig als Naherholungsgebiet. Die lokalen Wasserversorger und der Ruhrverband zeigen, dass Daseinsvorsorge, Industrie, Naturschutz und Tourismus sehr gut vereinbar sind. Damit ist das Ruhrgebiet geeignetes Vorbild für viele ähnliche Ballungsräume der Welt.
Jedoch liegen noch weitere große Herausforderungen vor uns. Darunter fallen die Anpassung an den Klimawandel und damit an Extremereignisse wie Hochwasser und Dürre, die Reduktion des Eintrags von Schadstoffen sowie der Schutz vor invasiven Arten, insbesondere in unseren Talsperren. Diese Aufgaben müssen auf ein neues Niveau gehoben werden. Auch der sehr hohe Wasserbedarf der Region in den Hitzemonaten muss durch geeignete flexible Strukturen gestillt werden, ohne Überkapazitäten im Winter.
„Die lokalen Wasserversorger und der Ruhrverband zeigen, dass Daseinsvorsorge, Industrie, Naturschutz und Tourismus sehr gut vereinbar sind. Damit ist das Ruhrgebiet geeignetes Vorbild für viele ähnliche Ballungsräume der Welt.“
Innovationsmanager, RWW Rheinisch-Westfälische WasserwerksgesellschaftWo bestehen noch Innovationspotenziale und wie können (internationale) Start-ups dabei helfen?
Innovationspotenziale in der Trinkwasserversorgung liegen insbesondere in den Bereichen, die Entscheidungen zum Ressourcen- und Assetmanagement in Echtzeit ermöglichen. Dazu zählen KI-gestützte Tools zur Prognose von Wasserbedarf und Wasserdargebot, adaptiven Netzsteuerung und Leckagedetektion. Für ein integriertes Wasserressourcenmanagement ist zudem der Aufbau eines Daten- und Informationsmanagements in Form einer zentralen, digitalen Datenplattform zwingend erforderlich (Smart Data Management). Dort sollen alle wasserwirtschaftlichen Informationen, wie Wasserstände, Wasserentnahmen, Grundwasserneubildung, wie auch klimatische und qualitative Daten in Echtzeit gespeichert werden.
Zudem bringen persistente und zum Teil toxikologisch relevante Schadstoffe in unseren Rohwasserressourcen, beispielsweise PFAS, bisherige Trinkwasseraufbereitungsverfahren zunehmend an ihre Grenzen, so dass neue Technologien erforscht, entwickelt und hinsichtlich ihrer Effektivität und Wirtschaftlichkeit bewertet werden müssen.
Start-ups können Wasserversorgungsunternehmen insbesondere in Schlüsseltechnologien unterstützen, etwa bei Smart Water, damit ist gemeint die IoT-Sensorik für Netze und Anlagen, intelligente Wasserzähler und Echtzeit-Monitoring, bei der Künstliche Intelligenz für Predictive Maintenance, Bedarfs- und Dargebotsprognosen sowie Leckageerkennung und in der Wasseraufbereitung zur Entfernung von Mikroschadstoffen. Auf der diesjährigen Weltleitmesse für Umwelttechnologien IFAT in München wurde zahlreichen Start-ups ein Forum geboten, ihre Ideen und Lösungen einem breiten Fachpublikum vorzustellen.
Wie arbeiten Sie als großer kommunaler Wasserversorger mit privatwirtschaftlichen Start-ups oder Unternehmen zusammen?
In der Regel nehmen Start-ups mit uns per E-Mail oder persönlich Kontakt auf, stellen ihre Lösung vor und erfragen unseren Bedarf. Gemeinsam mit den fachlich zuständigen Abteilungen entscheiden wir nach klaren Kriterien, ob die Lösung für uns relevant, zielführend und wirtschaftlich vertretbar ist. Bei positiver Entscheidung laden wir Vertreter des Start-ups zu einer Präsentation und weiterem vertiefenden Austausch ein. Im Rahmen von Tagungen oder Konferenzen gehen wir auch aktiv auf Start-ups zu und suchen das Gespräch.
Bei einer Delegationsreise der BMR haben Sie sich im April den Water Campus in Leeuwarden in den Niederlanden angeschaut. Welche Eindrücke haben Sie von dort mitgenommen?
Die Delegationsreise war ein voller Erfolg. Die enge Zusammenarbeit zwischen Lehre, Forschung und Gründung von neuen Unternehmen hat mich besonders beeindruckt. Nicht nur die räumliche Nähe der Start-ups zu den Instituten zeigt, wie verzahnt die Aktivitäten sind, sondern dass in der Lehre und Forschung bereits Unternehmensgründung mitgedacht wird - das habe ich woanders in dieser Form noch nicht gesehen. Das zeigt sich von den flexiblen Laborplätzen bis hin zu solchen Rahmenprogrammen wie unsere Delegationsreise.
Ein besonderes Highlight war für mich die Kläranlage, auf der bereits ein Platz für den Einbau von Versuchsanlagen vorgesehen ist. So kann ohne großen Aufwand jede Innovation direkt in der Praxis erprobt werden. Eine solche Möglichkeit wäre auch für Wasserwerke wünschenswert. Denn bei einem Lebensmittel würde das Testen von Innovationen in Echtzeit den Erkenntnisgewinn massiv beschleunigen.
„Innovationspotenziale in der Trinkwasserversorgung liegen insbesondere in den Bereichen, die Entscheidungen zum Ressourcen- und Assetmanagement in Echtzeit ermöglichen. Zudem bringen persistente und zum Teil toxikologisch relevante Schadstoffe in unseren Rohwasserressourcen, beispielsweise PFAS, bisherige Trinkwasseraufbereitungsverfahren zunehmend an ihre Grenzen, so dass neue Technologien entwickelt werden müssen.“
Innovationsmanager, RWW Rheinisch-Westfälische WasserwerksgesellschaftWie arbeiten Sie mit anderen Akteuren der Wasserwirtschaft zusammen, wie etwa der Universität Duisburg-Essen oder dem IWW Institut für Wasserforschung, das ebenfalls in Mülheim sitzt?
Die Zusammenarbeit mit Wasserforschungsinstituten und Hochschulen ist für RWW von herausragender Bedeutung. So können wir Trends schneller erkennen und auf Herausforderungen zeitnah und angemessen reagieren. Seit Gründung des IWW auf Initiative von RWW im Jahr 1986, wurden in zahlreichen Forschungsprojekten unter Federführung des IWW praxisnahe Innovationen zu den Themenfeldern Ressourcenmanagement, Trinkwasseraufbereitung und -verteilung, Analytik und Digitalisierung entwickelt. Die Ergebnisse setzen wir direkt zur Optimierung unseres Betriebs und zur Sicherung der Trinkwasserversorgung ein.
Wir haben eine Vielzahl von Projekten der Universität Duisburg-Essen, der Technischen Universität Darmstadt und der Universität Münster wissenschaftlich begleitet. RWW war und ist darüber hinaus regelmäßig Praxispartner in vielen Förderprojekten des DVGW, Deutschen Verein des Gas- und Wasserfaches e.V., der Bundesministerien für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) und für Wirtschaft und Energie (BMWE) und der Deutschen Forschungsgesellschaft. Ergänzend unterstützt RWW die wissenschaftliche Lehre und hat als Praxispartner zahlreiche Bachelor-, Master- und Doktorarbeiten betreut.
RWW Rheinisch-Westfälische Wasserwerksgesellschaft
Die RWW Rheinisch-Westfälische Wasserwerksgesellschaft mbH ist ein Wasserversorger und -dienstleister mit Sitz in Mülheim an der Ruhr. Mit 450 Mitarbeitenden versorgt RWW täglich mehr als 1.000.000 Menschen und Betriebe mit Trinkwasser. Hierfür stehen sechs Wasserwerke, ein Brauchwasserwerk, 14 Wasserspeicher und ein mehr als 4.000 Kilometer langes Rohrnetz zur Verfügung. Gegründet wurde der Wasserversorger 1912 in Mülheim an der Ruhr und ist heute Teil der Westenergie innerhalb der E.ON-Gruppe.
Zu den belieferten Kommunen zählen Bedburg, Bergheim, Bottrop, Dorsten Elsdorf, Gladbeck, Kerpen, Mülheim an der Ruhr, Oberhausen, Reken, Rheurdt, Velen und Wettringen sowie Teile von Raesfeld, Gescher und Schermbeck. Darüber hinaus ist RWW Vorlieferantin in Titz, Erftstadt, Velbert, Wülfrath, Teilen Ratingens und Borkens.




