Warum ist gerade jetzt eine gute Zeit zum Gründen?
Gerade jetzt ist eine gute Zeit, im Handwerk zu gründen, weil sich der Markt in den kommenden Jahren spürbar öffnet. Deutschlandweit stehen in den nächsten fünf Jahren mindestens 125.000 Handwerksbetriebe zur Übergabe an, insgesamt betrifft das rund ein Drittel der Betriebe. Viele Betriebsinhaberinnen und -inhaber stehen damit vor der konkreten Aufgabe, eine Nachfolge zu finden und den Betrieb geordnet zu übergeben.
Für Gründerinnen und Gründer entstehen dadurch zusätzliche Einstiegsmöglichkeiten, insbesondere über Betriebsübernahmen. Das erlaubt häufig einen Start auf vorhandener Basis, mit bestehenden Strukturen, Kundenbeziehungen und einem eingespielten Team und gleichzeitig die Möglichkeit, eigene fachliche und unternehmerische Vorstellungen umzusetzen. Die Selbstständigkeit ist im Handwerk für viele nicht nur eine berufliche Option, sondern eng mit der Identifikation mit dem Gewerk und der Bereitschaft verbunden, Verantwortung zu übernehmen. Mit Blick in die Zukunft wird das Handwerk außerdem häufig krisenfest und zukunftssicher bewertet. Gerade mit Blick auf die Entwicklung der künstlichen Intelligenz. Diese Kombination aus Nachfolgebedarf und stabiler Perspektive macht den Zeitpunkt für eine Gründung bzw. Übernahme aktuell besonders günstig.
Wie viele Menschen machen sich im Handwerk denn selbstständig?
Allein im Kammerbezirk Dortmund entscheiden sich jedes Jahr rund 1.000 Menschen für den Weg in die handwerkliche Selbstständigkeit. Das zeigt: Das Handwerk bleibt attraktiv, gerade für junge Menschen, die ihre Zukunft aktiv gestalten möchten. Hinzu kommt, dass Gründungen im Handwerk deutlich stabiler und nachhaltiger sind als in der Gesamtwirtschaft.
Insgesamt gibt es in Deutschland über eine Million Handwerksunternehmen mit rund 6,25 Millionen Beschäftigten, die zusammen einen Umsatz von etwa 783 Milliarden Euro erwirtschaften. Diese Zahlen sprechen eine klare Sprache: Das Handwerk ist ein bedeutender Wirtschaftsmotor. Jeder einzelne Betrieb trägt dazu bei, Innovationen voranzubringen, Arbeitsplätze zu schaffen und unsere Regionen lebendig zu halten. Besonders in unserem Kammerbezirk, mit rund 20.000 Handwerksbetrieben und über 135.000 Beschäftigten, ist das Handwerk ein unverzichtbarer Bestandteil der Wirtschaftskraft.
Olesja Mouelhi-Ort
Seit dem 1. Juli 2026 ist Olesja Mouelhi-Ort als Hauptgeschäftsführerin der Handwerkskammer Dortmund tätig. Mit großer Mehrheit wurde die 41-Jährige von der Vollversammlung in das Amt gewählt und übernimmt damit als erste Frau die Hauptgeschäftsführung. Zu den Aufgaben gehören insbesondere die strategische und operative Steuerung der Verwaltung, die Führung der Mitarbeitenden sowie die Umsetzung der Beschlüsse von Präsidium, Vorstand und Vollversammlung.
Was sind die Beweggründe? Warum lohnt sich dieser mutige Schritt?
Für viele junge Handwerkerinnen und Handwerker ist die Selbstständigkeit ein naheliegender Schritt, wenn sie mehr Unabhängigkeit und echten Gestaltungsspielraum suchen. Sie ermöglicht, eigene Ideen umzusetzen und einen Betrieb nach den eigenen fachlichen und organisatorischen Vorstellungen weiterzuentwickeln. Gleichzeitig ist klar: Das erfordert Flexibilität und Ausdauer. Themen wie Fachkräftemangel, steigende Materialkosten und die Digitalisierung gehören heute zu den zentralen Herausforderungen im Alltag. Gerade daraus ergeben sich aber auch Perspektiven: Wer jetzt gründet, kann frühzeitig digitale Lösungen sinnvoll einsetzen, nachhaltige Geschäftsmodelle aufbauen und gezielt neue Kundengruppen ansprechen.
Trotzdem wagen viele Handwerkerinnen und Handwerker den Schritt noch nicht. Was sind die Hürden?
In den vergangenen Jahren machen sich immer weniger Menschen, insbesondere jüngere, selbstständig. Ein wesentlicher Grund sind Sorgen über Risiken und Belastungen, etwa unsichere wirtschaftliche Rahmenbedingungen, mögliche finanzielle Engpässe oder als hoch empfundene bürokratische Anforderungen. Hinzu kommen Vorurteile gegenüber selbstständiger Arbeit, die sowohl im Handwerk als auch in der Gesellschaft verbreitet sind und die Entscheidung für den Schritt in die Selbstständigkeit zusätzlich erschweren können.
Erfolgreiche Beispiele aus dem richtigen Leben zeigt die Kampagne „STÄNDIG du selbst“. Worauf zielt die Kampagne ab?
Die Kampagne „STÄNDIG du selbst“ verfolgt das Ziel, mehr Menschen für die Selbstständigkeit im Handwerk zu gewinnen. Dafür wollen wir Vorbilder sichtbar machen, die zeigen, wie vielfältig Wege in die Gründung oder Betriebsübernahme sind und wie unternehmerische Verantwortung im Handwerk konkret aussieht. Die Kampagne setzt auf Information. Sie soll Orientierung geben, zentrale Fragen zur Gründung beantworten und realistische Einblicke in Anforderungen und Rahmenbedingungen vermitteln. Ein weiterer Schwerpunkt ist, Mut zu machen, gerade mit Blick auf die Hürden, die viele potenzielle Gründerinnen und Gründer sehen, etwa finanzielle Risiken oder Bürokratie. Dazu gehört auch, Vorurteile gegenüber selbstständiger Arbeit zu entkräften und ein sachliches, zeitgemäßes Bild von unternehmerischer Tätigkeit im Handwerk zu vermitteln.
Der Anteil an Frauen an den Existenzgründungen ist mit 37 Prozent seit Jahren stabil. Was braucht es, damit der Wert noch weiter steigt?
Damit der Frauenanteil an den Existenzgründungen über die seit Jahren stabilen 37 Prozent hinaus steigt, braucht es aus unserer Sicht vor allem drei Dinge: Sichtbarkeit, konkrete Unterstützung und verlässliche Rahmenbedingungen. Mehr Sichtbarkeit und realistische Einblicke können Hemmschwellen senken und Entscheidungen erleichtern. Niedrigschwellige Beratung und klare Informationen helfen, aus Interesse konkrete Schritte zu machen. Wichtig ist außerdem, dass Selbstständigkeit mit dem privaten Alltag vereinbar und flexibel gestaltbar erscheint.
Unterm Strich: Wenn wir Rollenbilder erweitern, Beratung und Förderzugänge noch sichtbarer und einfacher machen und Vereinbarkeit als gestaltbaren Teil der Selbstständigkeit zeigen, dann gibt es gute Chancen, dass der Frauenanteil bei Gründungen spürbar steigt.





