×
×

Ob man im Schatten eines Domes oder einer Kathedrale sitzt – der Unterschied muss gar nicht so groß sein. Die monumentalen Bauwerke in Köln, Chartres oder Essen unterscheiden sich nur im Baustil. Gotik oder Industrial? Beide Epochen strecken sich dem Himmel entgegen, machen sich groß, wollen den Menschen erheben. Ich sitze auf der Terrasse des Restaurants „The Mine“ und genieße einen Espresso in der Herbstsonne. Über meinem Kopf ragt ein Förderturm ins Blaue.

Es geht ein leichter Wind. Touristen fläzen sich in orangenen Liegemöbeln, mitten auf dem Gelände des UNESCO-Welterbes Zeche Zollverein. Dort möchte ich mir heute im Ruhr Museum die Ausstellung „100 Jahre Ruhrgebiet. Die andere Metropole“ anschauen, die anlässlich des 100-jährigen Bestehens des Regionalverbands Ruhr zu sehen ist.

Kann man das Ruhrgebiet überhaupt verstehen?

Ich lebe seit über 25 Jahren in der Ruhrmetropole. Je länger ich mich mit ihr beschäftige, desto vielschichtiger, größer und umfassender wird das Thema. Vielleicht hilft mir diese Ausstellung, das „Phänomen Ruhrgebiet“ (noch) besser zu verstehen.

„Das Ruhrgebiet ist heute ein komplexer, deutungsoffener und im Wandel befindlicher Raum. Es hat weder natürliche noch politische Grenzen. Es ist keine einheitliche Landschaft und keine Verwaltungseinheit. Dennoch ist das Ruhrgebiet fest im Bewusstsein seiner Bevölkerung und in der Wahrnehmung von außen verankert“, so beschreibt es eine Infotafel im Ruhr Museum. „Deutungsoffen“ gefällt mir. Darauf komme ich später zurück.

Alles gelb?

Die Ausstellung wurde in „Ortsschild-Gelb-Schwarz“ gestaltet, was mich als Schalker zunächst irritiert. Die Farbgebung klärt sich aber schnell auf: Für das Ruhrgebiet wurden die gelb-schwarzen Verkehrsschilder entwickelt, die noch heute an allen Bundesstraßen stehen.  

Unterteilt wird die Betrachtung der Region in die Bereiche politische Metropole, Verwaltungs-,  Industrie-, Infrastruktur-, Verkehrs-, Sport- und Veranstaltungs- sowie Kultur- und Wissensmetropole. Aber das Ganze ist natürlich viel mehr als seine Teile.

No panic

Ich drehe meine Runden durch die Ausstellung und stelle mir mit zunehmender Panik die Frage, wie ich 100 Jahre Geschichte und 1.000 Exponate in einem Text betrachten soll. Die einzige Chance wird sein, dabei hemmungslos subjektiv vorzugehen.

100 Jahre Ruhrgebiet bedeutet eine enorme Wandlungsfähigkeit einer Region, in der über fünf Millionen Menschen leben. 100 Jahre Ruhrgebiet ist auch der ambitionierte Versuch immer wieder Ordnung ins Chaos zu bringen.

Mein persönlichen Highlights sind: die elektrische Schreibmaschine von Max von der Grün, der „Likörello“ Ruhrvalley, gemalt von Udo Lindenberg, ein Plakat von 1968, das eine Rede von Willy Brandt in der Grugahalle ankündigt, gefolgt von einem „Bunten Programm“, mit anschließendem Tanz in den Mai. Mein Lieblingszitat: „Das Ruhrgebiet ist zu wahr um schön zu sein“ (Ulrich Borsdorf, Historiker, Direktor des Ruhrlandmuseums von 1996 bis 2007).

Epilog im Spiegel

Neben den vielen Exponaten gibt es eine verspiegelte Box, die filmische Ausblicke auf ein zukünftiges Ruhrgebiet zeigt: Pläne für die Internationale Gartenbauausstellung Metropole Ruhr 2027 oder Olympia 2032 an Rhein und Ruhr. Das Symbol des Spiegels gefällt mir am besten. Jeder Mensch, der hier lebt, gestaltet die Metropole Ruhr.

Deutungsoffen – meine weiteren Aussichten

Die Metropole Ruhr wird stark und zukunftsfähig sein, wenn wir die alten Mythen an die neuen, drängenden (Über-)Lebensfragen anpassen. Am Feuer der Hochöfen und in der Hitze der Erde hat man lange daran geglaubt, dass alles möglich ist.

Wir brauchen jetzt Erzählungen und Bilder, die nicht mehr von der Bezwingung der Welt erzählen, sondern vom bewussten Umgang mit der Umwelt, von der Schonung der Ressourcen, einer modernen, menschenorientieren- und nachhaltigen Wirtschaft, von Klimaneutralität und Achtsamkeit. Auch dieser Wandel wird uns gelingen!


Jörg Stanko ist Schriftsteller und Journalist. Er lebt seit 1991 im Ruhrgebiet. Seine Romane "Männer mit kalten Füßen" und "GlücksSommer" spielen in Essen. Zusammen mit Arnd Rüskamp schreibt er die Ruhrgebietskrimireihe Krimmini Ruhr. Den letzten Teil "Stankos Metropole Ruhr" lesen Sie hier.

www.joergstanko.de