Herr Helf, wie entstand die Idee zu discovering hands? Was genau bietet Ihr Unternehmen an?
Die Idee entstand aus der gynäkologischen Praxis unseres Gründers, des Mülheimer Gynäkologen Dr. Frank Hoffmann: Er fühlte sich unwohl, seinen Patientinnen auf Basis einer nur kurzen Tastuntersuchung, welche Bestandteil der jährlichen Vorsorgeuntersuchung ist, mitzuteilen, dass es keine Auffälligkeiten gibt. Ihm kam die Idee, dass man zur Verbesserung der Tastdiagnostik die besonderen Tastfähigkeiten blinder Menschen nutzen könnte – denken Sie hier einmal an die Blindenschrift. Gleichzeitig sollten Gynäkologen für ihre Untersuchung mehr Zeit eingeräumt bekommen.
Aus dieser Idee entstand zunächst ein Erprobungsprojekt und dann eine völlig neue Qualifikationsmöglichkeit für blinde Frauen. Die Ausbildung dauert über 9 Monate und mündet in einen zertifizierten Abschluss zur Medizinisch-Taktilen Untersucherin (MTU).
Zur dauerhaften Umsetzung des Modells wurde das Sozialunternehmen discovering hands gegründet. Das Unternehmen unterstützt die Qualifikation der MTU und agiert auch als Arbeitgeber der blinden Tastexpertinnen, die die Taktilen Brustuntersuchung (TBU) und die Anleitung für eine Selbstuntersuchung der Brust durchführen. Seit der Gründung haben unsere Tastexpertinnen in mehr als 100 Praxen über 200.000 Untersuchungen durchgeführt – und damit ganz sicher auch viele Leben retten können. MTU finden Tumorgrößen zwischen 6 und 8 Millimeter, während die Standarduntersuchung Tumorgrößen zwischen 1 und 2 Zentimeter findet.
Welche Herausforderungen mussten Sie in den ersten Jahren überwinden, um das Konzept am Markt zu etablieren?
Innovationen haben es meist nicht leicht. Sie können sich sicherlich vorstellen, dass Ärzte zunächst eine gewisse Zurückhaltung empfinden, wenn blinde Frauen auf einmal zur Verbesserung der Vorsorge beitragen wollen. Es dauerte eine gewisse Zeit, bis sich die Einsicht durchsetzte, dass die MTU, die ja „nur“ einen Tastbefund erhebt, die Sicherheit der abschließenden ärztlichen Diagnose verbessert.
Hilfreich war dabei natürlich die zunehmende Unterstützung von gesetzlichen Krankenkassen, von denen mittlerweile mehr als 45 die Kosten unserer Tastuntersuchungen erstatten. Dies insbesondere auf der Basis wissenschaftlicher Studien, die die Vorteilhaftigkeit unseres Konzeptes bestätigen.
Arndt Helf
Arndt Helf ist seit zehn Jahren Geschäftsführer der discovering hands Service GmbH und verantwortet dort das operative Tagesgeschäft. Nach langjähriger unternehmerischer Tätigkeit entschied sich der Betriebswirt bewusst für eine sozialunternehmerische Aufgabe, die für ihn doppelt wirkt: Sie schafft sinnstiftende Arbeitsplätze für blinde und sehbehinderte Frauen und leistet zugleich einen Beitrag zur Verbesserung der Brustkrebsfrüherkennung.
Mit discovering hands entwickelte Helf gemeinsam mit seinem Team auch Präsenz- und Digitalangebote im Bereich Women's Health für Unternehmen. Für dieses Engagement wurde discovering hands zuletzt mit dem Innovationspreis des Bundesverbandes Betriebliches Gesundheitsmanagement (BBGM) ausgezeichnet. Unternehmen, die sich für innovative Angebote im Bereich Women's Health interessieren, können sich gerne an discovering hands wenden: bgm@discovering-hands.de
Wie viele Menschen konnten Sie bislang ausbilden oder in Beschäftigung bringen und welche Bedeutung hat dieser soziale Aspekt für Ihr Unternehmen?
Wir haben seit Bestehen von discovering hands - also seit knapp 15 Jahren - über 80 blinde und stark sehbeeinträchtigte Frauen in die Tätigkeit als Medizinisch-Taktile Untersucherin begleitet; zumeist aus der vorherigen Arbeitslosigkeit. Einige MTU sind mittlerweile schon in Rente oder aus anderen Gründen ausgeschieden. In Summe bestehen derzeit knapp 35 Arbeitsverhältnisse mit discovering hands, zehn Frauen arbeiten in discovering hands-Zentren und weitere zehn Frauen befinden sich in Direktanstellung bei Gynäkologen.
Als Sozialunternehmen geht es uns primär darum, maximal vielen Frauen eine verbesserte Früherkennung zu ermöglichen und viele von Blindheit und stärkster Sehbeeinträchtigung betroffene Frauen in sinnstiftende Jobs zu bringen.
Brustkrebsfrüherkennung kann als Betriebliche Gesundheitsmaßnahme in Unternehmen angeboten werden – welche Erfahrungen machen Sie in der Zusammenarbeit mit den Unternehmen?
Frauen, die unsere MTU in Praxen kennengelernt haben, waren die besten Botschafterinnen in unserer Sache: So hat es sich herumgesprochen, dass unsere Leistungen auch in Firmen für Mitarbeiterinnen im Rahmen des Betrieblichen Gesundheitsmanagements (BGM) attraktiv sind.
In der Corona-Zeit haben wir aufgrund der großen Nachfrage auch digitale Angebote entwickelt, die heute gerne von Firmen mit mehreren Standorten oder mit im Homeoffice agierenden Mitarbeiterinnen genutzt werden. Unsere Webinare zur Brustgesundheit und unsere Online-Workshops zur Selbstuntersuchung der Brust erfreuen sich großer Beliebtheit. Ganz sicher profitieren wir gerade davon, dass die Frauengesundheit an sich ein Trend-Thema geworden ist, das auch viele Unternehmen für sich entdeckt haben: Unternehmen werden so als attraktive Arbeitgeber wahrgenommen.
Welche Vorteile bietet das Ruhrgebiet beziehungsweise Mülheim an der Ruhr als Wirtschafts- und Gesundheitsstandort?
Wir bewegen uns hier im größten Ballungsraum Deutschlands. Auch wenn wir Praxispartner in ganz Deutschland haben, ist das von Vorteil. Wir können und wollen so viele Frauen wie möglich in den vielen Unternehmen des Ruhrgebiets erreichen: Dazu ist es ideal, dass wir als Mülheimer Unternehmen mittendrin sind.
Gibt es Pläne, das Angebot auf weitere Regionen oder Anwendungsfelder auszuweiten?
Ja, wir wollen in der Zukunft vermehrt discovering hands-Zentren in deutsche Großstädte bringen: Mehrere MTU arbeiten dort unter einem Dach und können ihre Leistungen ohne Probleme auch den Beschäftigten größerer Arbeitgeber anbieten.
In Berlin und Hamburg ist das schon gelungen. Das Ruhrgebiet wird nun die Wunschregion für unser nächstes discovering hands-Zentrum.
Worauf sind Sie als Geschäftsführer besonders stolz, wenn Sie auf die Entwicklung von discovering hands blicken?
Auf die hohe Motivation unseres Teams, seine Resilienz und die Loyalität unserer Tastexpertinnen, die sich alle gemeinsam mit unseren Unterstützern und Förderern für unsere sozialunternehmerische Vision einsetzen.





