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Der schleppende Ausbau der Infrastruktur und steigende Energiepreise sind zwei der Hauptsorgen der Unternehmen in Deutschland. Das unterstreicht auch der aktuelle Ruhrlagebericht der Ruhr-IHKs. Als wichtige Stimme der Unternehmen sind die Kammern im Beirat der Business Metropole Ruhr engagiert. Die Dinge zusammendenken, fordert Stefan Schreiber, Hauptgeschäftsführer der IHK zu Dortmund und Vorsitzender des Beirats der BMR.

Der Ukraine-Krieg ist eine humanitäre Katastrophe – mit starken Folgen jetzt schon für die Wirtschaft in Deutschland und in der Metropole Ruhr. Wie schätzen Sie die Auswirkungen auf die Unternehmen ein?

Die Folgen sind jetzt schon groß, und wir können das Ende dieser Entwicklung immer noch gar nicht absehen. Drei Viertel aller Unternehmen spüren die wirtschaftlichen Folgen des Krieges. Höhere Energiekosten betreffen fast 85 Prozent der Unternehmen, Störungen in der Liefer- und Logistikkette immer noch 68 Prozent. Das zeigt, es geht hier nicht nur um einen kurzzeitigen Preissprung, den man irgendwie überbrücken könnte. Es geht um ganze Strukturen und um die langfristige Sicherheit von Energie und Lieferketten.

Was ist die Erwartung an die Politik?

Wenn Gas nicht in ausreichendem Maße zur Verfügung steht, wird eine gesicherte Leistung aus anderen Energieträgern benötigt. Alle Optionen müssen ins Auge gefasst werden. Das bedeutet auch, dass man Ausstiegsgesetze überprüfen muss. Auch der Umwelt ist übrigens nicht gedient, wenn wir hier Kraftwerke mit guten Emissionswerten nicht laufen lassen, um dann Strom aus alten Kraftwerken des Auslandes zu kaufen. Wir können den Nachbarländern auch nicht ihre Kernkraftwerke vorhalten und dann deren Strom kaufen. Die Politik steht in der Verantwortung für die Versorgungssicherheit.

Die zögerliche Politik spiegelt hier die sehr unterschiedlichen Sichtweisen in der Bevölkerung wider. So stark die Forderung nach Atom- und Kohleausstieg, so stark sind oft die Widerstände gegen Windräder und Stromautobahnen.

Wir brauchen die Akzeptanz in der Bevölkerung für den Ausbau von Infrastruktur, ganz klar. Das gilt für die Energiewende, aber auch für Flughäfen wie in Dortmund, beim Ausbau von Autobahnen oder bei der Erschließung für Logistik in der Nähe von Wohnsiedlungen. Einerseits ist es verständlich, wenn die Menschen direkt betroffen sind. Gleichzeitig heißt es auch gerne: Wenn die Läden vor Ort geschlossen sind, bestelle ich etwas beim Online-Händler oder ich fliege in den Urlaub von Dortmund ans Mittelmeer. Aber ich fliege nur einmal und ich bestelle auch nur einmal im Internet. Das Problem: Das glaubt ja fast jeder von sich. Es fehlt an einigen Stellen das Verständnis dafür, dass ich für den Komfort, den wir haben, auch ein gewisses Maß an Einschnitten hinnehmen muss.

Was ist hier die Rolle von Industrie- und Handelskammern sowie Wirtschaftsförderungen?

Der stete Tropfen höhlt den Stein. Wir müssen da in einen dauerhaften Dialog treten und deutlich machen, wie wichtig die Zusammenhänge sind und dem Bürger auch Vorteile bringen. Wir sind die Interessenvertretung der Wirtschaft und werden das auch weiterhin sein.

Geht Wirtschaft vor Umwelt?

Das sagt ja niemand. Die Wirtschaft hat die Zusammenhänge von Ökologie und Ökonomie längst verstanden. Jedem Unternehmer, den wir kennen, der sich bei der IHK engagiert, ist doch klar, dass der Klimawandel kommen wird und dass wir darauf reagieren müssen. Aber wir denken die Sache von der Struktur her und nicht nach Verteilung.

Der Ruhrlagebericht der Ruhr-IHK zeigt: Steigende Energiepreise und die Verkehrsinfrastruktur sind ganz oben auf der Sorgenliste der Wirtschaft. Welches Problem müsste zuerst angepackt werden?

Problemlösung ist in der Realität oft sehr komplex, es braucht eine durchdachte Strategie. Der ehemalige Dortmunder Oberbürgermeister Ullrich Sierau hat mit Masterplänen für Themen wie Innenstadt oder Wissenschaft gedacht und gearbeitet. Strukturiert und ganzheitlich. Wir brauchen einen Masterplan auch für Deutschland und für Nordrhein-Westfalen, der Infrastruktur, Digitalisierung, Fachkräfte und Energie abdeckt. Diese wichtigsten Felder müssen wir anschauen und synchronisieren. Ein einfaches Beispiel: Was habe ich vom Glasfasernetz, wenn im Gesundheitsamt ein Fax steht? In dem Beispiel steht die Infrastruktur ganz oben, aber ohne Digitalisierung und ausgebildete Fachkräfte hilft das nicht.

Das ist eine Frage von Töpfen und Zuständigkeiten.

Wir haben in Deutschland und selbst in NRW einen Flickenteppich. Nicht jeder sollte nur auf den Erfolg in seinem Bereich schauen. Ein Begriff wie Teamwork darf keine Floskel sein, es geht nur gemeinsam.

Verkehrswegeplanung ist ein Bundesthema, andere Bereiche sind Landesthemen. Hilft es trotzdem, wenn sich eine Region auf den Weg macht?

Ja, unbedingt. Das schließt Kooperationen nicht aus und kann Vorbildcharakter haben. Ich glaube, das Ruhrgebiet ist der Innovationsstandort in Nordrhein-Westfalen. Mit den 22 Hochschulen und den vielen Innovationszentren stehen wir sehr gut da, viele wissen es aber nicht. Der RVR macht nach außen viel Werbung. Das ist auch gut so. Aber wir brauchen auch nach innen ein eigenes Selbstbewusstsein. Das müssen wir leben und stärker in unser Bewusstsein heben.

Gründe für Selbstbewusstsein gibt es viele. Was ist ihr Lieblingsbeispiel?

Die Technologiezentren im Ruhrgebiet oder zum Beispiel der Duisburger Hafen sind Keimzellen für Innovation. Die wenigsten Leute wissen, dass wir hier in unserem Technologiepark in Dortmund eine Bruttowertschöpfung von 1,1 Milliarden Euro haben. Am Max-Planck-Institut für molekulare Physiologie arbeiten rund 150 Wissenschaftler daran, die Ursachen von Krebs zu erforschen und neue Wirkstoffe für die Medizin zu entwickeln. Wir holen die Wissenschaftler ins Ruhrgebiet, weil wir hier die bessere Infrastruktur und die Nähe zur Uni haben. Den Wissenschaftlern ist es dabei egal, ob sie ihre Kollegen in Duisburg, Bochum, Essen oder Dortmund finden. Von außen nimmt man die Region anders wahr. Von Duisburg bis Dortmund braucht man rund 40 Minuten. Wie viel Zeit brauchen Sie für die gleiche Strecke in Berlin? Das muss uns bewusst sein.

Berufskollegs und Hochschulen im Ruhrgebiet bilden fast eine halbe Millionen Menschen im Alter zwischen 16 und 25 Jahren aus. Wie steht es hier um die Fachkräfte?

Das ist nicht einfach zu beantworten. Der Kampf um Fachkräfte in ganz Deutschland ist größer geworden. Der Markt ist gerade extrem belebt. Es gibt Berufe, da haben wir einen Überschuss an Ausgebildeten, die sich Unternehmen aussuchen können, und es gibt andere Branchen, da können wir die Lehrstellen nicht besetzen. Wir müssen stärker und permanent die Ausbildungsgänge und die Bedarfe in den Unternehmen übereinanderlegen. Wichtig zu beachten ist, dass die Berufsbilder auch Konjunkturen erleben. Seit einigen Jahren gibt es zum Beispiel die Ausbildung für Kaufleute im E-Commerce. Diesen neuen Beruf zu etablieren war angesichts der technologischen Entwicklungen logisch und konsequent.

Wie haben sich die Bedürfnisse der jüngeren Arbeitnehmer-Generation gewandelt?

Die Frage nach Work-Life-Balance ist wichtiger geworden. Die Unternehmen haben mit vielen Angeboten darauf reagiert: Es gibt bessere Gesundheitsvorsorge – etwa Rückenschulungen oder Gymnastikkurse –, Firmentickets und Dienstfahrräder. Moderne Technik für mobiles Arbeiten ist heute ebenfalls etabliert. Die Perspektive hat sich verändert. Die Leute wollen in Unternehmen arbeiten, in denen Nachhaltigkeit gelebt wird. Das ist oft wichtiger als das reine Gehalt. Arbeitgeber sollten sich darauf einstellen und modern aufstellen. Gerade die jüngsten Mitarbeiter, die Azubis, kann man damit motivieren. Und wer seine Ausbildung mit Leidenschaft macht, wird auch im Berufsleben Erfolg haben.

Leidenschaftlich setzen Sie sich für das Ruhrgebiet ein, auch als Vorsitzender des Beirats der BMR. Warum ist das so wichtig?

Wir haben mit den dezentralen Wirtschaftsförderungen, den Handwerkskammern und den IHKs im Ruhrgebiet ein sehr, sehr gut eingespieltes Team. So erlebe ich es. Jeder weiß, wo er seine Stärken und seine Kompetenzen, aber auch seine Schwächen hat. Im Beirat haben wir dann auch die Bezirksregierungen und Hochschulen, so eine Verbindung gibt es so nicht noch einmal. Im Beirat können wir über die Themen aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln und Erfahrungen sehr konstruktiv sprechen. Das ist einzigartig. Dieses tolle Miteinander habe ich erst durch die BMR kennengelernt. Das kannte ich vorher nicht. Wenn es das nicht geben würde, müsste man es erfinden.

 

Das Interview führte Benjamin Legrand, Pressesprecher der Business Metropole Ruhr.

 

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