×
×

Noch sind die gesamten Folgen des Krieges in Europa nicht absehbar. In diesem News-Beitrag möchten wir einen Überblick über die ersten wirtschaftlichen Auswirkungen auf die Metropole Ruhr geben.

Nach dem Spitzengespräch mit Gewerkschaften und Wirtschaft zu den Folgen des russischen Angriffs auf die Ukraine für Versorgungssicherheit und Arbeitsplätze in NRW am Dienstag fordert Ministerpräsident Hendrik Wüst weitere Schritte zur Entlastung von Wirtschaft und Bevölkerung bei den Energiepreisen. „Die Frage nach einer Abfederung der Preisexplosion stellt sich im Lichte des Krieges gegen die Ukraine nur noch dringlicher“, sagte Wüst. Er begrüße die von der Bundesregierung geplanten Maßnahmen, insbesondere die Abschaffung der EEG-Umlage als ersten Schritt.

Ein Überblick über die Problemstellen der Logistik

Schon nach wenigen Tagen macht sich der Krieg in Europa in Lieferketten bemerkbar. Der Schienenverkehr von Duisburg nach China hatte sich in den vergangenen Monaten gerade wieder intensiviert, auch wenn viele Containerschiffe ihre Reise aus Asien noch unregelmäßig antraten und enorme Verspätungen einfuhren. Doch nun ist die Zukunft des „Duisburg Gateway Terminals“, der nächstes Jahr in Betrieb gehen soll, ungewiss, denn die Schienenverbindung von Chinas Ostküste in den Westen ist seit dem Einmarsch russischer Truppen in der Ukraine dort unterbrochen. Wenn diese nun auch nur zum Teil ausfallen, könnten sich die Lieferengpässe wieder verschärfen.

Auf das Luftfrachtgeschäft hat der Krieg ebenfalls immer größere Auswirkungen. Die EU hat den europäischen Luftraum am Samstagabend für russische Airlines gesperrt. Als Reaktion darauf untersagt Russland seit Montag Deutschland und 35 weiteren Staaten den Überflug. Sowohl Fracht- als auch Passagiermaschinen, die Waren befördern, müssen umgeleitet werden.

Auf der Straße wirkt sich der Konflikt ebenfalls aus und Deutschland wäre dann besonders betroffen. Denn nach Daten aus der aktuellen Mautstatistik entfällt mittlerweile jeder dritte auf deutschen Autobahnen oder mautpflichtigen Bundesstraßen zurückgelegte Straßenkilometer auf eine Spedition aus Osteuropa, schreibt Welt.de in einem aktuellen Artikel. Zum einen führen Lkw-Fahrer etwa aus der Ukraine oder aus Belarus zu ihren Familien in ihre Heimatländer zurück und zum anderen dürfen erwachsene Ukrainer im arbeitsfähigen Alter derzeit aufgrund der Mobilmachung das Land nicht mehr verlassen.

Wie sich der Krieg auf den Energie-Sektor auswirkt

Angesichts des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine hat Nordrhein-Westfalens Wirtschafts- und Energieminister Andreas Pinkwart die Überprüfung des Kohle- und Atomausstiegs gefordert. „Es müssen alle Optionen auf den Tisch“, sagte der FDP-Politiker am Montag nach einer Sondersitzung mit seinen Länderkollegen. Hingegen hält Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck von den Grünen beide Vorschläge für ungeeignet, um etwaige Versorgungsengpässe durch einen Lieferstopp Russlands auszugleichen, auch wenn mit Lieferausfällen bei fossilen Energieträgern gerechnet werden müsse, „die sich erheblich auf die Versorgungssicherheit in Deutschland und Europa auswirken können“. Gleichwohl prüfe sein Ministerium das, hatte er am Sonntag in der ARD gesagt. "Es gibt keine Denktabus", sagte Habeck weiter.

Sowohl E.ON als auch RWE in Essen reagieren zunächst zurückhaltend auf Rufe nach einer Laufzeitverlängerung für Deutschlands Atomkraftwerke angesichts des Kriegs in der Ukraine. Derzeit ist gesetzlich geregelt, dass die drei verbliebenen AKW Ende dieses Jahres vom Netz gehen. Bei der Kohleverstromung sieht das aus Sicht von RWE anders aus: „Aus unserer Sicht ist jetzt vor allem der kurz- und mittelfristige Zeitraum relevant und nicht die generelle Frage, wann das richtige Enddatum für das Auslaufen der Kohle ist“, so RWE zur WAZ. Daneben müsse es „einen Booster für den Ausbau der erneuerbaren Energien“ geben. Deutschlands größter Energieversorger E.ON kann nach eigenen Angaben noch nichts zu konkreten Auswirkungen auf die Strom- und Gaspreise für Haushaltskunden sagen. Steag hat sich bisher nicht geäußert. Seine engen Verflechtungen mit Russland bringen den Düsseldorfer Energieversorger Uniper in Bedrängnis. Nach dem vorläufigen Aus für die Zulassung der Gaspipeline Nord Stream 2 drohten nun hohe Abschreibungen, berichtet die FAZ.

Rund 55 Prozent des deutschen Gas-Bedarfs werden heute von Russland gedeckt. „Sollten Gaslieferungen von Russland nach Deutschland unterbrochen werden, dürften noch weitere Wirtschaftszweige betroffen sein, da die Energieversorgung der Betriebe dann eingeschränkt werden könnte und die Energiepreise sich weiter erhöhen,“ sagt Torsten Schmidt, Konjunkturchef des RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen. Wenn in Folge der Krise die Gaspreise stark steigen, droht das Wirtschaftswachstum in Deutschland 2023 geringer auszufallen, teilte das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln mit. Auch die Inflationsrate würde weiter in die Höhe schnellen – bis zu 6,1 Prozent seien realistisch, zeigten neue Modellsimulationen des Instituts.

Eine große Unsicherheit über die zukünftigen Auswirkungen auf die Konjunkturerwartungen bei den regionalen Unternehmen

Die Industrie- und Handelskammern (IHK) im Ruhrgebiet machen sich Sorgen um die regionale Wirtschaft. Drastische Folgen durch den Ukrainekrieg fürchtet auch die Gelsenkirchener Wirtschaft, denn die dortige Industrie ist einer der großen Öl-Abnehmer in NRW. Deswegen sei es jetzt wichtig, Kontakte zu anderen Lieferländern zu intensivieren. Jochen Grütters, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK Nord Westfalen in Gelsenkirchen sagt: „Das muss alles schneller gehen, als man es sich bisher vorgestellt hat. Diese Situation muss zum Turbo für die heimische Wasserstoffwirtschaft werden.“

Außenhandel eingeschränkt und Hermes-Papiere ausgesetzt

Die Unsicherheit in Kreisen der Wirtschaft sei groß. Auch der Präsident der Industrie- und Handelskammer zu Dortmund, Heinz-Herbert Dustmann, äußert sich besorgt zu den Auswirkungen auf die regionale Wirtschaft. „Schon seit der russischen Annexion der Halbinsel Krim 2014 gelten wirtschaftliche und finanzielle Sanktionen der EU, welche die wirtschaftlichen Beziehungen belastet haben,“ sagt Heinz-Herbert Dustmann. In der Region der IHK zu Dortmund hätten rund 170 Unternehmen außenwirtschaftliche Beziehungen zu Russland und etwa 85 Unternehmen zur Ukraine. Das Außenhandelsvolumen Nordrhein-Westfalens mit Russland läge 2020 bei rund fünf Milliarden Euro.

Durch die aktuelle Eskalation gibt es weitere Einfuhr- und Ausfuhrverbote, vor allem in die nicht von der ukrainischen Regierung kontrollierten Gebiete der Regionen Donezk und Luhansk. Aktuelle Informationen beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle.

Deutschland, die USA und andere westliche Verbündete haben beschlossen, bestimmte russische Finanzinstitute für das Banken-Kommunikationsnetzwerk zu sperren. Betroffen sind nach offiziellen Angaben alle russischen Banken, die bereits von der internationalen Gemeinschaft sanktioniert sind. Die Institute sollen von den internationalen Finanzströmen abgeklemmt werden, teilte die Bundesregierung mit. Das solle ihr globales Agieren massiv einschränken. Darüber hinaus werde eine Arbeitsgruppe mit Vertretern der USA und der EU eingesetzt, um die zügige Umsetzung der Sanktionen zu gewährleisten und die Vermögenswerte von sanktionierten Individuen, ihren Familien und Firmen einzufrieren.

Die Bundesregierung hat unterdessen Hermes-Bürgschaften und Investitionsgarantien für Russland bis auf weiteres ausgesetzt. Das bestätigte das Bundeswirtschaftsministerium. Damit sind die Garantien für Exporte aus Deutschland nach Russland und für deutsche Direktinvestitionen in Russland aufgehoben. Deutsche Unternehmen können ihre Ausfuhren mit den sogenannten Hermes-Bürgschaften gegen wirtschaftlich und politisch bedingte Zahlungsausfälle absichern.

Weitere Meldungen

Immobilienmarktbericht Ruhr 2022: Bürowachstum blieb in der Metropole Ruhr im ersten Halbjahr 2022 hoch

Vor der Immobilienmesse EXPO Real in München zeigt sich der Immobilienmarkt der Metropole Ruhr…

Arbeit und Wirtschaft in der Innenstadt

Die Innenstädte in Deutschland brauchen Aufbruchswillen und die Offenheit für Neues. „Mut und Mood“,…

Award Gewinner: Innovative Wirtschaftsförderungen 2022 - Die Auszeichnung der Hochschule Harz mit einem Gruppenfoto

BMR wird mit Award für innovative Projekte im Hinblick auf Krisen ausgezeichnet

Der Deutsche Verband der Wirtschaftsförderungs- und Entwicklungsgesellschaften e.V. prämiert die…

Immobilienkongress Meet@Ruhr

Neue Lagen, neue Möglichkeiten: Die Quartiersentwicklung muss breiter gedacht werden. Sozialer…